Singverein Emden
e.V.    Oratorienchor von 1805
2005 - 200 Jahre Singverein

Sehr geehrter Herr Staatsekretär,

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Brinkmann,

liebe Sängerinnen und Sänger

und liebe Gäste!


Unser Chor ist ein Organismus, der seine Geschichte hat. Er ist kein Gegenstand wie ein Möbel des Biedermeier, das man einst gebraucht hat und das jetzt als Denkmal dasteht, sondern ein amorphes und handelndes, ein überaus lebendiges Geschöpf. Wie kann ich ein solches Wesen in einem historischen Bilderrahmen verschließen? Kann ich den Singverein in eine einzige Schublade stecken? Ich kann es nicht. Ich will auch mit der heutigen Geschichtsbetrachtung nicht alle Leichen der Zeit entreißen. Die Zeit - nämlich die 200 Jahre - bildet den Grund unseres Jubiläums, aber sie deckt auch einen Schleier über die Entwicklung unseres Vereins.


Ich kann nur mit den Hinweisen aus Zeitungen, Verordnungen, Konzertprogrammen oder persönlichen Aussagen ein Bild des Chores erkennen, das ich in die allgemeine geschichtliche Entwicklung einordnen kann. Mit dem konkreten Beispiel des Singvereins fülle ich die Begriffe wie „Vereinsgründung“, „Biedermeier“, „Historismus“, aber auch „Armenwesen“ und „Bürgerkultur“ mit Leben.


Das Armenwesen möchte ich nochmals gesondert heraus greifen: Die ersten Konzerte der Musicalischen Gesellschaft wurden anlässlich der Ausfahrt der Heringsfischer gegeben, einem Emder Volksfest der besonderen Art. Die Einnahmen des Konzerts spendete der Chor an die notleidenden Armen. Das ist typisch für die Emder, die durch den reformierten Glauben eine besondere soziale Verantwortung vermittelt bekommen haben. Die Sorge für soziale Randgruppen war ein fortdauerndes Anliegen der Emder.


Das Armenwesen spielte natürlich nicht nur bei hiesigen Konzerten hier eine große Rolle. So hatte etwa das Getruden-Gasthaus mehrere "Gotteskammern", kleine Häuser, in denen die „Haussitzenden Armen“ betreut wurden. Die bis heute bestehende Clementiner-Bruderschaft wäre ebenso zu nennen wie der „Emder Kornvorrat“, der den Armen im allgemeinen und den eingewanderten Niederländern im besonderen eine Ernährungsgrundlage sicherte. In dieser Tradition verstand sich der Singverein.


Wenn ich mir die Partnerschaft mit dem Chor aus Archangelsk seit den 1990er Jahren ansehe, erkenne ich die gleiche Motivation. Sie entstand aus der elementaren Hilfe für die russische Stadt, die mit dem kulturellen Austausch verknüpft wurde. In dieser Betrachtung bekommt die Kultur einen anderen Stellenwert. Sie ist in diesem Fall keine Zierde, sondern ein Grundbedürfnis zu jeder Zeit, sie ist ein Weg der Gemeinschaft. Die Kultur führte auch zur Gemeinschaft der beiden Chöre.


Meine Damen und Herren, so bekommt die Geschichte ein Gesicht. Die Ereignisse des Singvereins Emden habe ich hier in einen größeren Geschichtshorizont gesetzt, um zu erkennen, was der Singverein eigentlich darstellt, wo sein Selbstverständnis liegt.


Diese Worte waren das Präludium der Ansprache. Die jetzt folgende Darstellung der Singvereinsgeschichte möchte ich als Fuge gliedern, so dass Sie ein erstes Thema hören, das von einem zweiten Thema abgelöst wird. Beide Themen durchlaufen die 200jährige Entwicklung, werden gespiegelt, kehren im doppelten Tempo oder hier in Dur, dort in Moll wieder.


Das Hauptthema ist der Oratoriengesang. Das bedeutet, dass wir geistige und weltliche Kantaten singen, Passionsmusiken, Messen, hauptsächlich von der Zeit des Barock bis zur Romantik, seltener davor oder danach. Die „Ausreißer“ in die jüngere Zeit kommen auch vor, wenn wir an die Misa Criolla des Argentiniers Ariel Ramirez denken oder an Wer sich der Musik erkiest im Tonsatz des berühmten nordwestdeutschen Komponisten Gerhard Schoone.


In der Zeit des Dirigenten Eduard Krüger von 1832-57 wurde das Thema der Oratorienkunst weit aufgefächert: 1833 führte er mit dem Chor Haydns Jahreszeiten auf, 1836 die Schöpfung desselben Komponisten, 1840 die Johannes-Passion Johann Sebastian Bachs. Damit war Emden in der Wiederaufführung der Werke Bachs ganz weit vorne. Es war die Zeit, als Zelter in Berlin ab 1809 die Liedertafel gegründet und nachfolgend das Singvereinsleben geprägt hat, als Mendelssohn-Bartholdy die Matthäuspassion Bachs dirigiert hat. Die Zeit gab mit der Reprise der barocken Werke dem Historismus eine besondere Note - und in dieser Note erklingen wir heute immer noch.


Spielen wir das Thema weiter durch: Der große Überhang der aufgeführten Chorsätze besteht aus geistlicher Musik. Werke wie Haydns Jahreszeiten oder Beethovens An die Freude fallen dabei natürlich heraus. Ebenso die Lieder aus der Sammlung Quickborn, die von dem Leiter des Singvereins Gustav Storme in der Mitte des 19. Jahrhunderts vertont und unter Rudolf Müller 1930 wieder aufgeführt worden sind. Es sind plattdeutsche Lieder wie Lütt Matten de Has, die also nicht zum geistlichen Repertoire gehören. Damit ist auch deutlich, dass der Singverein nicht nur Oratorien in der großen Form mit Chorsätzen, solistischen Arien oder Rezitativen pflegt, sondern auch das Lied.


Ein kleines Nebenthema mit Variationen kann ich hier einflechten: Unser Chor hat Veränderungen im Namen des Vereins durchlaufen. Die Reihe geht von der MUSIKALISCHEN GESELLSCHAFT über MUSIK- bzw. SINGVEREIN und seit 1905 VEREIN ZUR PFLEGE VOLKSTÜMLICHER MUSIK und – ab Oktober 1937 - wieder zum SINGVEREIN EMDEN. Die Umbenennungen haben unterschiedliche Gründe gehabt, doch stört ein neuer Name nicht die Kontinuität des Chores und seiner Mitglieder.


Wenn es zuerst die eher gewöhnliche Bezeichnung der Musicalischen Gesellschaft war, ist der Begriff des Vereins schon in Folge des Wiener Kongresses 1814 zu verstehen, als die Gründung der bürgerlichen Vereine notwendig für die Orientierung in der neugeordneten Staatenwelt wurde. Wir, also die Mitglieder unseres Chores, sind in der Zeitungsannonce von 1817 als Verein bezeichnet.


Der spätere Name des Vereins zur Pflege volkstümlicher Musik klingt für uns etwas missverständlich, weil volkstümliche Musik heute etwas anderes ist als die Oratorienmusik. Er wurde aber 1905 gewählt, um neuen Schwung in die Chorgemeinschaft zu bringen, quasi ein uptuning des Chores. Diese mentale Wiederbelebung war damals sicher notwendig und außerdem erfolgreich.


Eine wirtschaftliche Wiederbelebung war die Umbenennung des Chores 1937 in den Singverein, weil die Stadt Emden als Organ der öffentlichen Ordnung den Chor finanziell tragen sollte. Wechselt die Trägerschaft, spiegelt es sich im Namen. Bei der Auswahl der aufgeführten Oratorien hatte der Name keine Auswirkung.


Nun komme ich zum zweiten Thema der Fuge, das die gesamte Geschichte des Singvereins begleitet: Es handelt sich um die Orte der Aufführungen. Man kann dies auch so sehen, dass die Oratorien und ihre Aufführungsorte sich kontrapunktisch begleiten, weil sich Wagners Tannhäuser nicht gut in der Kirche singen lässt, eine Messe nicht unbedingt im Clubhaus.


Die Oratorien konnten nicht so leicht in der Großen Kirche Emdens aufgeführt werden, weil der Kirchenrat nicht unbedingt zustimmte. Die Zustimmung war damals genauso notwendig wie heute auch, wenn wir zum Beispiel in der Martin-Luther-Kirche singen. Allerdings wurden und wird das Programm und die Texte genau geprüft. Es hing im 19. Jahrhundert aber auch mit den Orgeln zusammen, weil die Organisten der Großen und der neuen Kirche keine Nebennutzer dulden wollten. In der Gasthauskirche erlaubte der Kirchenvorstand 1841 den Auftritt des Chores mit Händels Judas Makkabäus, doch wurde diese Kunstdarbietung anschließend heftig kritisiert. Ein Gotteshaus diene nicht als Konzertgebäude, und man solle solch einen „Miethling“ nicht in die Kirche lassen. Derartige Äußerungen konnte man nach dem Konzert an der Kirchentür angeschlagen finden.


Nicht vergessen werden sollte die Französisch-reformierte Kirche. Sie war am Neuen Markt über der Waage eingerichtet. Die räumlichen Verhältnisse und die Ausstattung mit einer kleinen Orgel müssen bescheiden gewesen sein. Die Orgel war von Cornelis Wallis und Dirk Lohmann 1755 gebaut worden. Sie kam 1803 in die neu eingerichtete Kirche der Hugenotten und musste 1897 – als die Kirche aufgelöst wurde – an die Gemeinde in Holssel an der Unterweser verschenkt werden. Dort steht sie noch heute. Es ist die einzig erhaltene alte Emder Orgel! In der kleinen französisch-reformierten Kirche führte Eduard Krüger 1841 die Johannes-Passion Johann Sebastian Bachs auf und hat damit Musikgeschichte geschrieben.


Von den größeren Kirchen abgesehen, fehlt nun noch die Luther-Kirche. Allerdings waren hier die Möglichkeiten der Aufführung eingeschränkt. Die Orgel war für diesen Zweck ungünstig platziert. Wie anders hat sich die Beziehung des Singvereins zur Martin-Luther-Kirche nach dem 2. Weltkrieg entwickelt! In der Notkirche in der Graf-Edzard-Straße wurden viele Konzerte gegeben, so dass zu dieser Behelfskirche ein Grundriss mit Sitzangaben im Archiv des Singvereins existiert, und die Kooperation unseres Chores mit der Lutherkirche ist bis heute vorbildlich. Möglicherweise ist dieser Zusammenhang eine Tradition seit Kirchenmusikdirektor Pahlitzsch, der seit 1934 Organist an der Lutherkirche war und ab 1946 den Singverein Emden geführt hat. Pahlitzsch hat ohnehin Sängerinnen und Sänger aus Ostfriesland – besonders aus Emden und Leer - zusammen gezogen, um die großen Aufführungen der Oratorien zu verwirklichen. Auch der Orgelschüler von Pahlitzsch, Gerhard Schoone mit Namen, arbeitet mit Kantor Elmar Werner und seiner Kantorei zusammen.


Bei den Aufführungsorten, um auf das zweite Hauptthema zurück zu kommen, habe ich bislang nur die Kirchen genannt. Der Chor ist aber kein Kirchenchor. Die frühen Darbietungen im VAN DOHLEN’SCHEN HAUS oder im KLUB ZUM GUTEN ENDZWECK am Neuen Markt machen die Unabhängigkeit von der kirchlichen Institution deutlich. Der Zusammenhang des Vereins zur Pflege volksthümlicher Musik ab 1905 mit der Gaststätte TIVOLI ist ein sehr enger gewesen. Die Neue Turnhalle bot die Übungsräumlichkeit, die Gaststätte hatte eine Bühne und genügend Platz. Es ist schwer vorstellbar, wie sich dieses Lokal damals dargeboten hat. Heute befindet sich eine Tankstelle vor dem Hochhaus, gegenüber, auf der anderen Seite der Neutorstraße, war früher eine berüchtigte Disco. Manchmal ist das Thema vergangener Aufführungsorte auch in der Moll-Tonart zu hören.


Wenn noch weitere „profane“ Aufführungorte nach dem zweiten Weltkrieg erklingen sollen, so wäre an das Gymnasium am Treckfahrtstief zu denken, wo seit 1974 auch die Proben stattfinden. Genauso ist an die Eröffnung der HISTORISMUS-AUSSTELLUNG im Landesmuseum zu erinnern, als der Chor im Rathausfoyer gesungen hat. Daran denke ich gerne, weil es für mich der Beginn meiner Mitgliedschaft im Singverein ist, ebenso der meiner Frau Martina und möglicherweise auch anderer Sängerinnen und Sänger.


Keine Fuge ohne Reprise des ersten Themas. In feiner Klarheit tritt das Oratoriums-Thema im Werk Mendelssohn-Bartholdys entgegen, im Elias. Nach seiner Uraufführung 1846 wurde es bereits 6 Mal durch den Singverein aufgeführt. In seiner politischen Brisanz war das Konzert des Werkes 1933 vielleicht besonders denkwürdig. Unser Chorleiter Gerhard Schoone hat sich des Werkes 1965 und 1981 angenommen und es sind Mitglieder des Chores hier vertreten, die damals mitgesungen haben. Nun kommt zum Jubiläum des Singvereins die dritte Aufführung Schoones, die siebte insgesamt. Wenn wir als Sänger die Musikalität, den Überblick über das Stimmengewirr und die Intensität des Ausdrucks bei Herrn Schoone erleben, ist das ein wunderbares Geschenk an uns! Die Dankbarkeit dafür eines jeden von uns, ist allen bewusst.


Wir sind damit im Jahr 2005 angekommen. In der neueren Zeit kann man sich per Internet auf die Homepage des Singverein Emden begeben, um etwas über den Elias oder Gerhard Schoone zu erfahren. Helmut Escher sei Dank. Und der Singverein hat jetzt das Siegel eines 200jährigen aufgedrückt bekommen, sogar die Anerkennung durch Verleihung der Zelter-Plakette.


Aber nicht vergessen werden sollte, dass der Singverein lebendig ist, dass aus vielen Köpfen, Kehlen und Herzen immer etwas Neues zustande gebracht wird, etwas, das Begeisterung weckt und aus Begeisterung entsteht. Diesen Enthusiasmus kann ich weiter nicht in das Fugenthema pressen und danke dem Chor und Ihnen, Frau Kolck, als Vorstandsvorsitzende dafür, meinem Vortrag gelauscht zu haben.


HINWEIS


Wer sich für die Geschichte des Singvereins Emden interessiert, dem empfehlen wir die Festschrift zum 200-jährigen Bestehen, ebenfalls verfasst von Hans-Peter Glimme.

Sie ist für 5.- € beim Vorstand erhältlich.

FESTVORTRAG unseres Mitsängers Dr. Hans-Peter Glimme zum 200-jährigen Bestehen des Singvereins Emden 2005
Festschrift Singverein
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